Rundreise durch Yucatan (Mexiko)
Schon
immer hatte ich mich für Altertümer und die Geschichten vergangener
Völker interessiert. Nachdem mein Mann und ich in den letzten Jahren
unter anderem Ägypten, den Westen Amerikas, Sri Lanka und China bereist
hatten, wollten wir uns einen Teil von Mexiko ansehen.
Mit meinem Diabetes war ich gut intensiviert eingestellt. Zum Essen spritzte ich erforderliche 3:1 Insulineinheiten Kurzzeit-Insulin, zur Nacht waren 24 Einheiten eines Langzeitinsulins notwendig. Meine Werte waren stabil, nur mit dem Gewicht kämpfte ich noch immer, doch davon wollte ich mir die Urlaubsvorfreude nicht trüben lassen. Unsere Reise sollte fünf Tage durch die Sehenswürdigkeiten Yucatans führen. Anschließend wollten wir zwei Wochen in Cancun im Karibischen Meer baden.
Vor uns lag erst einmal der Flug von 10 bis 12 Stunden nach Cancun. Das bedeutete etwas Stress, mein Blutzucker war leider etwas erhöht. Doch das konnte ich mit meinem Kurzzeitinsulin korrigieren. Auch die Zeitverschiebung brachte ich gut hinter mich. Mein Blutzuckerwert lag bei der Ankunft in Mexiko bei 88 mg/dl (4,8 mmol/l), das war doch wunderbar.
40 Rundreiseteilnehmer zuckelten bald hinter einem Reiseleiter namens Willi her. Der Hitzeschock machte uns allen zu schaffen. Aber der Bus, der uns in das erste Hotel bringen sollte, war klimatisiert, so war der Reiseanfang nicht so schlimm.
Im
Hotel dauerte es etwas, bis Schlüsselkarten verteilt und Koffer
sortiert waren. Als Abendbrot-Treff war 19.30 Uhr genannt, was aber in
diesen Breitengraden 7.30 Uhr abends bedeutete. Doch um nicht in meinen
Blutzuckeraufzeichnungen durcheinander zu geraten, blieb ich bei meinen Tagebuch-
Eintragungen bei der europäischen Bezeichnung.
Diesmal konnte ich erst nach dem Abendessen das Insulin spritzen. Der Wert lag um 21.30 Uhr dann bei 175 mg/dl (9,7 mmol/l), da reichte dann sogar die Hälfte meines Kurzzeit-Insulins. Das Langzeit-Insulin spritzte ich erst kurz vor Mitternacht. Am nächsten Morgen hatte ich wieder einen Wert von 88 mg/dl (4,8 mmol/l). Das bedeutete, dass ich bisher alles gut im Griff hatte.
Nach
dem Frühstück bestiegen wir wieder den Bus. Während der Fahrt
erzählte unser Reiseleiter über die Menschen in Yucatan. Auch in
Mexiko war natürlich die Arbeitslosigkeit ein Problem. Und viele
Mexicaner riskierten ihr Leben, um in die USA illegal einzuwandern. In
den Touristenhochburgen, die wir jetzt mit dem Bus durchfuhren, gibt es
jedoch
ein bisschen Hoffnung Arbeit zu finden. Die Löhne liegen im Durchschnitt
bei 250 Dollar im Jahr, das gab uns zu denken.
Wir
fuhren nach Tulum, das ist die einzige Maya-Festung, die am Meer liegt. Im
Laufschritt folgten wir unserem Willi, der mit Strohhut als Erkennungszeichen
voran eilte. Vor uns lag ein freier Platz, auf dem ein ca. 20 m hoher Pfahl
stand. Auf der Spitze hockten fünf Indianer, vier davon waren an den
Füßen mit einem langen Seil befestigt. Kopfüber ließen
sich die Indios herabfallen und 13 Mal drehten sie sich um den Baum, oben
saß einer, der dazu auf einer Flöte blies. Eine weitverbreitete
Interpretation dieser Vorstellung lautet: Der Mann auf der Spitze stellt die
Sonne dar, der Pfahl den Baum des Lebens. Die vier „fliegenden Männer“ repräsentieren
die Wiedergeburt der Krieger und Geopferten, die als Vögel auf die Erde
schweben.
Das
war schon beeindruckend. Danach ging es in brütender Hitze zur Festungsstadt
Tulum, die um 1000 n. Chr. von den Mayas errichtet worden war. Von den
Klippen aus bewunderten wir das Karibische Meer, und beneideten andere Touristen,
die sich Zeit für ein Bad nehmen konnten. Aber wir mussten ja mit dem
Bus weiter. Es war noch der Besuch einer Hazienda geplant. Auch das war
sehr interessant. Die Spanier hatten seinerzeit sicherlich ein wunderschönes
Leben geführt, doch vor meinem Auge entstand auch das Bild der unterdrückten
Indianer, die hier von ihrem Land vertrieben wurden.
Zur Mittagszeit lag mein Blutzuckerwert bei 125 mg/dl (6,9 mmol/l). Das fand ich gar nicht so schlecht. Nach dem Essen ging es gleich los nach Coba. Dort hatte man erst im letzten Jahrhundert im Dschungel die größte Tempelstadtanlage mit der höchstens Pyramide Yucatans entdeckt. Der 42 m hohe ehemalige Prachtbau lag nun vor uns, und viele machten sich auf den Weg, die steilen, aber arg zerklüfteten Stufen zu erklimmen. Auf allen Vieren krochen dann alle erschöpft zurück. Doch unsere Tour an diesem Tag war noch nicht zu Ende. Erst ging es zu einem Kloster in das Städtchen Valladolid, anschließend fuhren wir zum nächsten Hotel.
Am nächsten Morgen besichtigten wir in Valladolid einen Markt. Geier
saßen auf Bäumen und Mauervorsprüngen. Sie hatten in Marktnähe
ihr El Dorado entdeckt und stürzten frech wie Spatzen auf alle Obst-
und Gemüsereste, die sie auf den Straßen finden konnten.
Mit unserem bequemen Reisebus fuhren wir 40 km an Dörfern vorbei. Die einfachen Häuser waren meist fensterlos und hatten Vorder- und Hintertür weit geöffnet, um Licht und Luft herein zu lassen. Im Halbdunkel erkannten wir Hängematten und Fernseher. Die Dächer bestanden zum größten Teil aus Palmblättern. Vereinzelt sah man aber auch Wellblechbaracken. Aufeinandergestapelte Feldsteine umzäunten die Grundstücke. 'Hier gibt es keine Wäscheklammern,' betonte Willi. Und tatsächlich war die Wäsche nur durch Auseinanderzwirbeln der Wäscheleinen zwischen den Fäden befestigt. 'Die Mexikaner sind sehr, sehr sauber,' erzählte Willi weiter. 'Sie nehmen ihr tägliches Vollbad, indem sie sich mit Wasser aus Kürbisschalen übergießen.'
Irgendwann hatten wir Chichen Itza erreicht, die größte und berühmteste Pyramidenanlage von Yucatan, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt worden ist. Wir eilten Willi mit seinem Strohhut hinterher. Auf einem Felsen sonnte sich ein riesiger Leguan, der beim Klicken unserer Fotoapparate schnell das Weite suchte. Unter einem riesigen Baum saß ein Mann, der an seiner Mütze blaue Federn befestigt hatte. Für ein kleines Trinkgeld durfte Willi uns die Federn zeigen, die vom sogenannten Urvogel abstammen sollten, der schon zu Zeiten der Mayas hier herumschwirrte. In den Bäumen einer großen Parkanlage konnten wir das heisere Krächzen und die blauen langen Schwanzfedern der Urvögel ausmachen.
Chichen
Itza ist hervorragend erhalten. Wir lauschten den Erklärungen
unseres Reiseleiters über die Geschichte der Maya. Hier gibt es zum Beispiel
einen der größten Ballspielplätze. Das Spielfeld misst 85
x 35 m und wird an zwei Seiten von 7 m hohen Mauern eingefasst. In deren
Mitte befindet sich jeweils ein großer steinerner Ring, durch den
die Spieler einen Kautschukball schlagen mussten. Der Ball durfte bei diesen
Spielen nicht mit den Händen oder Füßen berührt werden,
sondern musste mit dem Ellbogen, Hüfte oder Knie durch den Ring geschlagen
werden. Das Kuriose an den Spielen war, dass der Gewinner hinterher durch
Kopfabschlagen geopfert wurde, und so in die ewigen Jagdgründe eingehen
konnte. Welch schrecklicher Brauch.
Danach ging es zu einem Opfersee, an dem noch bis vor 400 Jahren angeblich Jungfrauen geopfert wurden. Danach liefen wir endlich zur Chichen Itza-Pyramide.
Die
neunstufige Pyramide - mit einer Seitenlänge von 55 m und einer
Höhe von knapp 30 m - zeigt anschaulich die Kalenderkenntnis der Maya.
Auf jeder Seite des Gebäudes führen 91 Treppenstufen zum Tempel
hinauf. Addiert man zu den sich daraus ergebenden 364 Stufen diejenige
vor dem Eingang des Tempels hinzu, so ergibt sie die Anzahl der Jahrestage.
Die an den Seiten angebrachten 52 Platten verkörpern die 52 Wochen
des Jahres. Am unteren Ende der Treppe sind Schlangenköpfe angebracht.
Nur zweimal im Jahr, nämlich an den Nachmittagen des 21. März und
des 23. Septembers entsteht ein Schattenwurf, der den Eindruck erweckt,
als ob die Schlangen den Tempel verlassen und die Pyramide hinabkriechen
würden.
Während manche von uns die Pyramide hochstiegen, bewunderte ich die Steinfigur des Chac Mool, die für die damaligen Menschenopfer bestimmt war. Oben angelangt krochen die Touristen nach einem Rundgang dann vorsichtig die steilen Pyramidenstufen rückwärts wieder hinunter. Das musste ich mir nicht unbedingt zumuten. An diesem Tag hatte ich zwischendurch einen Zuckerwert von 225 mg/dl (12,5 mmol/l), die Anstrengung beeinflusste sicherlich den Blutzucker.
Jetzt ging es mit dem Bus weiter zu einem wunderschönen Privat-Garten. Ein reicher Mexikaner hatte hier eine wunderschöne Park- und Hotel-Anlage geschaffen, die den alten Zeiten nachempfunden ist, und Jahr für Jahr von ihm ergänzt wird. Liebevoll war eine Auswahl von seltenen Baumarten zusammengetragen worden. Zwischen Blumenrabatten führten Treppenstufen in eine Höhle hinein. Im Gewölbe segelten Schwalben, Lianen und Efeu hingen von den feuchten Wänden herab. In 50 m Tiefe konnten wir einen riesigen See ausmachen. In dem 20 Grad warmen Wasser badeten einige aus unserer Gruppe und hatten ihr Vergnügen daran. Mein Mann und ich liefen nicht nach unten, sondern filmten den See durch die Höhlenöffnungen. Wieder sonnte sich ein Leguan im Gras, und auch ein Urvogel flog uns vor die Kamera. Unzählige riesige Schmetterlinge in allen Farbschattierungen flatterten über die Blumenbeete.
Nach
dieser erholsamen Pause ging es weiter mit dem Bus nach Izamal, wo wir
ein Franziskaner-Kloster, das 1549 errichtet wurde, besichtigten, und in
einer Nische die Jungfrau Maria bewunderten, die von den sehr frommen Mexicanern
in jedem Jahr anlässlich der Prozessionen durch die Stadt neu eingekleidet
wird.
Anschließend ging es zu einer Hazienda aus dem 17. Jhdt. Am Himmel zogen Wolken auf, und ein plötzlicher Wolkenbruch ergoss sich über uns. Beim Fahren spritzten hohe Fontänen links und rechts bis zu den Busfenstern hoch. Bald hatte der Regen wieder aufgehört. Die für das Publikum restaurierte Hazienda war erreicht. Pfauen saßen auf dem mit Ornamenten verzierten Eingangstor, um dann majestätisch herabzugleiten. Alte Fotos zeugten von der damaligen Pracht. Früher wurde hier Sisal angebaut. Andenkenbuden warteten auf unseren Einkauf.
Danach
fuhren wir ins Bergland, noch heute sollte der Ort Uxmal erreicht werden.
Unser Hotel dort war im Kolonialstil gebaut. Im Laufschritt ging es auf die
sehr schönen Zimmer, wir hatten nur kurz Zeit uns frisch zu machen. Natürlich
war durch die Hetze mein Blutzucker wieder angestiegen, den ich schnell korrigierte.
Wir mussten weiter, es ging mit dem Bus zu einer Bild- und Tonschau, die uns
in der Tempelanlage von Uxmal gezeigt werden sollte.
Inzwischen war es stockdunkel. Steile beleuchtete Treppen führten uns den Tempel hinauf. Über schnarrende Kopfhörer konnten wir auf Deutsch die Geschichte der Indianer verfolgen. Die wunderschöne alte Tempelanlage war mit Scheinwerfern passend zur Handlung angestrahlt. Moskitos umschwirrten uns, im Lampenlicht spazierte ein Leguan umher, Fledermäuse huschten an uns vorbei.
Endlich endete die Veranstaltung, wir wurden zum Hotel zurückgefahren, wo ein Bufett auf uns wartete. Wieder konnte ich erst nach dem Abendessen mein Insulin spritzen, hatte aber dann einen Wert von 160 mg/dl (8,9 mmol/l), das war doch gar nicht so schlecht.
Am
nächsten Morgen saßen wir bei Sonnenaufgang auf dem Balkon
und betrachteten von weitem die Uxmal-Pyramiden, die wir heute bei Tageslicht
besichtigen wollten. Nach dem Frühstück ging es also weiter, um
die Tempelpyramide des Zauberers, den Gouverneurspalast und das Nonnenviereck
anzusehen. Der Nonnenpalast stammte aus dem 9. Jahrhundert. Wir konnten
eine große Anzahl kleiner, zellenähnlicher Räume ausmachen.
Schwalben hatten an den Decken ihre Nester gebaut und sausten kreischend
umher, um uns von ihrer Brut abzulenken.
Uxmal bedeutet in der Maya-Sprache „Die dreimal Erbaute“, ein eindeutiger Hinweis auf die bei den alten Völkern weitverbreitete Gewohnheit des Überbauens. Wir bestaunten reich verzierte Stuckfassaden.
Nach unserem Rundgang fuhren wir mit dem Bus 20 km weiter zur Tochterstadt Kabah, wo der Palast der 1000 Masken zu besichtigen war. Wir liefen aufwärts um verfallene Bauten herum, um dann zum Schluss steile Stufen wieder hinab klettern zu müssen. Aber auch diese Anstrengung gelang. Danach ging es dann durch einen bewaldeten Weg zu einem steinernen Tor. Von hier führte eine Straße schnurgeradeaus nach Uxmal.
Wieder war Mittagszeit. Im Hinterhof eines mexikanischen Restaurants bestaunten wir einen riesigen alten Waschzuber, in den eine Frau mühselig per Hand Wasser nachfüllte. In einem nebenstehenden Schuppen wurde unser Essen unter Steinplatten zwischen Bananenblättern gegart. Einer Frau konnten wir beim Fertigen von Tortillas zusehen. Das Essen schmeckte sehr gut. Zwei Musikanten spielten uns dazu mexicanische Weisen.
Anschließend fuhren wir an den Golf von Mexiko. Dort hatten wir in Celestun auf einer Bootsfahrt die Gelegenheit, tanzende Flamingos zu bewundern. Nach diesem Erlebnis ging es dann weiter nach Merida, einer Kolonialstadt aus dem 16. Jahrhundert, dem letzten Punkt unserer Rundreise.
Wieder war das Hotel sehr schön. Mein Blutzucker zeigte heute Werte wie 86 / 76 / 110 / 110 mg/dl
(4,8 / 4,2 / 6,1 / 6,1 mmol/l). Darüber war ich sehr froh.
Das Frühstück in diesem Hotel war auch diesmal sehr üppig. Bratkartoffeln, Fleisch, Rühreier und mehr wurden geboten. Erst am Schluss dieses ungewöhnlichen Mahles entdeckten wir die Brötchen. Doch jetzt waren wir satt.
Los
ging es zur Stadtrundfahrt. Merida wurde 1542 gegründet und auf
den Ruinen der einstigen Mayastadt Tihó errichtet. Wir fuhren an prächtigen
Herrenhäusern im europäischen Stil vorbei und landeten schließlich
am Zócalo, dem Zentrum der Stadt. Am Gouverneurspalast machten wir
Halt und besichtigten im Laufschritt das schöne Gebäude, anschließend
ging es zur Kathedrale.
Dann brachte uns Willi zum Markt, den wir dann alleine durchforsten konnten. Der Markt wimmelte von Menschen, wir warfen nur einen kurzen Blick hinein, und liefen wieder Richtung Zócalo, um uns dort unter schattigen Bäumen auszuruhen.
Rund um Merida wird noch immer Sisal angebaut, darum führte unsere nächste Fahrt auf eine Sisalplantage. Hier zeigte man uns die Gewinnung der Sisalfasern, die zu Hängematten, Schuhen, Körben, Tischsets, Teppichen und Schnüren verarbeitet werden.
Wir fuhren durch Dörfer und karge Landschaften. Die Menschen haben es hier sehr schwer, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der Blick aus dem Busfenster zeigte uns Felder, die von Steinen übersät waren. Wie mühselig ist hier der Ackerbau.
Das alles war sehr interessant, doch wir waren froh, dass der Schluss der Bildungstour erreicht war. Jetzt freuten wir uns auf den anschließenden Badeurlaub in Cancun.
Texte und Fotos:
Karin Pospich, Berlin
E-Mail: Karin.Pospich@t-online.de






