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China, Singapur, Malaysia, Japan

Unterwegs in Asien
Von kleinen Pannen und überwältigenden Eindrücken

Insel Rawa vor Malaysia. Ein Strand-Bungalow wirkt so idyllisch, da fällt einem Robinson Crusoe einAls ich 1999 Abitur machte, lud mich mein Vater auf eine Reise nach Asien ein. Es war immer mein Traum, den Fernen Osten kennen zu lernen. Und wann hat man schon mal so viel Zeit, wie direkt nach der abgeschlossenen Schulzeit. Zu dem Zeitpunk hatte ich schon seit mehr als 8 Jahren mit Diabetes Typ 1 gelebt. West-Europa war als Reiseziel ziemlich abgegrast, und auch ein Austauschjahr in den U.S.A. hatte ich schon mit der intensivierten Insulintherapie gemeistert. Mir war klar, dass ich schon einige Erfahrung hatte im Bereich „Reisen mit Diabetes“. Dennoch wusste ich auch, dass es etwas anderes sein würde, wenn man in Regionen fährt, wo die eigene Insulinmarke vielleicht nicht verkauft wird, und man sich vielleicht eh nur mit Händen und Füssen verständigen kann. Also war eine sorgfältige Planung die Vorraussetzung für ein gutes Gelingen.

Hongkong bei Nacht mit LeuchtreklamenSchon früh hatte ich mir angewöhnt, auf Reisen Teststreifen und Insulin in ausreichenden Mengen mitzunehmen. Als Faustregel für Aufenthalte von mehr als 2 Wochen oder in fernen Regionen gilt für mich 2x, d.h. von allem das Doppelte. Als zweite Maßnahme werden die Vorräte verteilt. Teststreifen können ganz gut im Koffer mitfliegen, also sollte man einen Teil dort verstauen. Der Rest geht ins Handgepäck. Für Insulin ist es im Gepäckraum von Flugzeugen zu kalt, also sollte man das am Besten im Handgepäck mit sich führen. Für meine Asien-Reise hatte ich mir extra eine kleine Kühltasche gekauft, in der mein Insulin auch bei tropischen Temperaturen gut aufgehoben war. Zum Schluß habe ich meinem Vater noch einen Satz Insulin, Teststreifen und ein Messgerät ins Handgepäck gesteckt. Falls mein Handgepäck verloren ginge, wäre so immer noch Ersatz vorhanden.

Front von Wolkenkratzern in HongkongVon Frankfurt aus ging es mit der Lufthansa nach Hongkong. 11 Stunden Flug mit 6 Stunden Zeitunterschied ist für jeden Menschen anstrengend, aber für Diabetiker kommt immer noch die Unstellung des Basis-Insulin dazu. Anstatt wie gewöhnlich gegen 23 Uhr, spritze ich meine 20 Einheiten Lantus schon gegen 18 Uhr am Flughafen. So war ich nur noch eine Stunde hinterher, und das kann man am folgenden Tag gut ändern. Wir landeten gegen Mittag des nächsten Tages. Ich war so fasziniert von den erste Eindrücken, dass mir erst kurz vor dem Verlassen des Terminal aufging, dass irgend etwas fehlte. Siedend heiß fiel mir ein, daß ich mein „Spritzbesteck“, d h. den kleinen Beutel mit Insulin, Messgerät und Spritzen für die nächsten Tage, im Flugzeug liegen gelassen hatte. Es ist gar nicht so leicht, einem Chinesen mit Maschinengewehr klar zu machen, warum man trotz Koffer und Rucksack noch mal zurück in den Sicherheitsbereich will. Insbesondere, wenn der gute Mann dem Englischen nicht wirklich mächtig ist. Den Ernst der Lage konnte ich ihm zumindest nicht nahe bringen. Ich hatte zwar noch ein zweites Messgerät dabei, aber das war schließlich für den Notfall und nicht für den ersten Reisertag! Nach viel hin und her zückte mein Vater unser Ticket für den Weiterflug in 4 Tagen aus dem Jackett und hielt es dem Wachmann unter die Nase. „Ahh, you got ticket?“—„Yes!“, sagten wir und durften endlich durch. Unser Flugzeug wurde schon für den Weiterflug betankt, als wir am Gate ankamen. Eine nette Stewardess verschwand kurz im Flugzeug und kam wenig später mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck zurück. Meine erste Eskapade hatte ich unbeschadet überstanden. Aber der Urlaub fing ja erst an.

Blick über die City von Kuala Lumpur. Im Vordergrund niedrigere rote Dächer, ein paar Hochhäuser, im Hintergrund die TwinTowersEine der besonderen Erfahrungen in fremden Ländern ist die exotische Küche. Der geographische Bereich, den wir so gerne mit Asien betiteln ist dabei so groß und so breit gefächert, daß man sicherlich an jeden Tag im Jahr ein neues Gericht probieren kann, ohne sich zu wiederholen. Für Diabetiker stellt sich natürlich immer die Frage: was ist denn da so im Essen drin? Die Chinesische Küche lässt für Ungeübte nicht immer eine Antwort zu. So kann man Reis und Nudeln zwar noch relativ unbeschadet einschätzen. Bei brauner Paste mit Suppe und Morcheln wird es aber etwas schwieriger. Also muss man Vermutungen anstellen und versuchen, so gut wie möglich zu schätzen.

Wolkenkratzer – TwinTowers in Kuala Lumpur bei Nacht, 403 m hoch, mit Antenne 452 mMeine braune Paste vermutete ich als eine Art von Weizenkleie (falsch) und berechnete sie mit ca. 4 BE (ebenfalls falsch). Wenn sich jemand gefragt hat, warum ich immer doppelt so viele Teststreifen wie sonst mitnehme: deshalb! In meiner Erfahrung muss man in solchen Situationen viel öfter messen. Es schadet sicher auch nicht, eine ordentliche Portion Traubenzucker mitzunehmen. Dann ist es auch nicht so schlimm, wenn sich die Weizenkleie als kohlenhydratarmer Ballaststoff entpuppt, und man einen leicht zittrigen Nachmittag verbringen muß.

paradiesisch türkises Wasser um die Insel Rawa lädt zum Schnorcheln ein, eine von vielen Inseln vor MalaysiaEinige Zeit später, wir waren inzwischen in Singapur eingetroffen, verließ mich das Glück aber doch einmal. Eins meiner beiden Messgeräte versagte seinen Dienst. Kein Problem, schließlich hatte ich ja noch Ersatz. Als dieser Ersatz sich aber wenig später im Singapore River versenkte, stand ich doch etwas dumm dar (merke: kein Messen auf der Rehling vom Bootssteg).

Insel Rawa vor MalaysiaZum Glück gibt es ja doch in den meisten Gegenden internationale Apotheken, so daß ich schon wenig später eine neue Version meines Messgerätes in den Händen hielt. Zu viel mehr war es auch nicht zu gebrauchen—zumindest nicht durch mich. Der erste Versuch meinen Blutzucker zu messen, teilte mir mit ich hätte 5.8 mg/dl. Da ich mich wenig komatös fühlte, nahm ich die Anleitung noch einmal zu Hand, überblätterte Instruktionen auf Indisch, Chinesisch, Malaysisch und Indonesisch und fand dank einer Übersicht auf Englisch heraus, daß mein neues Gerät nicht in mg/dl misst, sondern in mmol/dl.

Kaiserlicher Park beim Palast Kokyo in TokioFeine Sache das, schließlich gibt es viele Diabetiker, die es so gelernt hatten. Daß ich nicht dazu gehörte und mit diesen Zahlen gar nichts anfangen konnte, hatte ich beim Kauf nicht bedacht. Wer nun in Deutschland bei einer Apotheke schon einmal etwas Ausgepacktes umtauschen wollte, der weiß wie schwierig sich so etwas gestalten kann. Auf Englisch und einem malaysischen Apotheker wird es noch ein wenig schwieriger. Zum Schluß hatten wir uns dann aber doch geeinigt und ich bekam mein Messgerät mit mg/dl Rechenweise. Zusätzlich erwarb ich auch noch ein wenig Heilkraut und Krähenfüße von seinem Chinesischen Kollegen, um ihren Verlust auszugleichen. Das Messgerät habe ich übrigens immer noch. Die Krähenfüsse gingen aber direkt in die Tonne.

Ansicht des Stadtteils Shinjuku von TokioMeine kleine Kühltasche war übrigens eine weise Entscheidung. Bei Temperaturen von über 30° C und extremer Luftfeuchtigkeit machte ich mir schon ein wenig Sorgen, ob es meinem Insulin nicht zu warm werden würde. Doch mit der Kühltasche konnte ich problemlos Indonesiens Regenwald und paradiesische Inseln vor Malaysia besuchen. Ich rate auch, eine solche Lösung anderen Optionen vorzuziehen. Oft kann man sein Insulin auch in Hotelkühlschrank oder bei der Rezeption hinterlegen, aber oft bekommt man dann nur einen recht teuren Eiszapfen zurück. Selbst nach dem Auftauen ist das Insulin dann leider nur noch zum Wegwerfen geeignet.

Die zum Palast gehörigen Gärten und Anlagen sind von einer Mauer umgeben und sind wie der Palast selbst der Öffentlichkeit nicht zugänglich.Nach fast 4 Wochen Reisezeit flogen mein Vater und ich aus Japan zurück nach Deutschland. Beim Check-In—mindestens der vierte seit Reisebeginn—wunderte ich mich mal wieder, daß mich keiner auf die Spritzen im Handgepäck ansprach. Vor der Reise hatte ich extra von meinem Hausarzt eine Bescheinigung ausfüllen lassen, daß ich Medikamente und Spritzen mitführen darf. Die ist aber auf Deutsch, und als ich sie beim einzigen Mal einem Grenzbeamten vorlegte, schaute er nur verdutzt und winkte mich durch. Ganz ohne Probleme durfte der Urlaub dann aber auch nicht enden. So hatte ich die Rechnung ohne den Deutschen Zoll gemacht.

der 131 m hohe Kyoto-Tower bei Nacht, ein Sende- und Aussichtsturm gegenüber dem Bahnhof von KyotoDaheim in Frankfurt war den Beamten sehr daran gelegen, sich mein Gepäck mal aus der Nähe anzuschauen. Ah, was haben wir denn da? Spritzen? Insulin? Teststreifen??!—Ganz klar, ich war entweder Schmuggler oder Steuerbetrüger! Diabetiker kam in der Liste des BGS nicht vor. Die Bescheinigung meines Arztes wurde minutenlang beäugt. „Sie sind also Diabetiker?“—„Ja, genau!“. „Können sie das beweisen?“—„Ja, das steht auf der Bescheinigung meines Arztes und im internationalen Diabetes-Ausweis, der daran geheftet ist.“. „Aha!“. Es dauerte zwar noch einige Minuten, bis mir geglaubt wurde, aber zumindest wollte keiner Einstichspuren oder vernarbte Fingerkuppen untersuchen. Eines war aber noch dieser Episode sonnenklar. Der Urlaub war zu Ende und ich war wieder voll in Deutschland angekommen.

 

Texte und Fotos:
Christian Peiner
E-Mail: cpeiner@yahoo.com

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