Unterwegs in Asien
Von kleinen Pannen und überwältigenden Eindrücken
Als
ich 1999 Abitur machte, lud mich mein Vater auf eine Reise nach Asien ein.
Es war immer mein Traum, den Fernen Osten kennen zu lernen. Und wann hat
man schon mal so viel Zeit, wie direkt nach der abgeschlossenen Schulzeit.
Zu dem Zeitpunk hatte ich schon seit mehr als 8 Jahren mit Diabetes Typ 1
gelebt. West-Europa war als Reiseziel ziemlich abgegrast, und auch ein Austauschjahr
in den U.S.A. hatte ich schon mit der intensivierten Insulintherapie gemeistert.
Mir war klar, dass ich schon einige Erfahrung hatte im Bereich „Reisen
mit Diabetes“. Dennoch wusste ich auch, dass es etwas anderes sein würde,
wenn man in Regionen fährt, wo die eigene Insulinmarke vielleicht nicht
verkauft wird, und man sich vielleicht eh nur mit Händen und Füssen
verständigen kann. Also war eine sorgfältige Planung die Vorraussetzung
für ein gutes Gelingen.
Schon früh hatte ich mir angewöhnt, auf Reisen Teststreifen und
Insulin in ausreichenden Mengen mitzunehmen. Als Faustregel für Aufenthalte
von mehr als 2 Wochen oder in fernen Regionen gilt für mich 2x, d.h.
von allem das Doppelte. Als zweite Maßnahme werden die Vorräte
verteilt. Teststreifen können ganz gut im Koffer mitfliegen, also sollte
man einen Teil dort verstauen. Der Rest geht ins Handgepäck. Für
Insulin ist es im Gepäckraum von Flugzeugen zu kalt, also sollte man
das am Besten im Handgepäck mit sich führen. Für meine Asien-Reise
hatte ich mir extra eine kleine Kühltasche gekauft, in der mein Insulin
auch bei tropischen Temperaturen gut aufgehoben war. Zum Schluß habe
ich meinem Vater noch einen Satz Insulin, Teststreifen und ein Messgerät
ins Handgepäck gesteckt. Falls mein Handgepäck verloren ginge,
wäre so immer noch Ersatz vorhanden.
Von Frankfurt aus ging es mit der Lufthansa nach Hongkong. 11 Stunden Flug
mit 6 Stunden Zeitunterschied ist für jeden Menschen anstrengend, aber
für Diabetiker kommt immer noch die Unstellung des Basis-Insulin dazu.
Anstatt wie gewöhnlich gegen 23 Uhr, spritze ich meine 20 Einheiten
Lantus schon gegen 18 Uhr am Flughafen. So war ich nur noch eine Stunde hinterher,
und das kann man am folgenden Tag gut ändern. Wir landeten gegen Mittag
des nächsten Tages. Ich war so fasziniert von den erste Eindrücken,
dass mir erst kurz vor dem Verlassen des Terminal aufging, dass irgend etwas
fehlte. Siedend heiß fiel mir ein, daß ich mein „Spritzbesteck“,
d h. den kleinen Beutel mit Insulin, Messgerät und Spritzen für
die nächsten Tage, im Flugzeug liegen gelassen hatte. Es ist gar nicht
so leicht, einem Chinesen mit Maschinengewehr klar zu machen, warum man trotz
Koffer und Rucksack noch mal zurück in den Sicherheitsbereich will.
Insbesondere, wenn der gute Mann dem Englischen nicht wirklich mächtig
ist. Den Ernst der Lage konnte ich ihm zumindest nicht nahe bringen. Ich
hatte zwar noch ein zweites Messgerät dabei, aber das war schließlich
für den Notfall und nicht für den ersten Reisertag! Nach viel hin
und her zückte mein Vater unser Ticket für den Weiterflug in 4
Tagen aus dem Jackett und hielt es dem Wachmann unter die Nase. „Ahh,
you got ticket?“—„Yes!“, sagten wir und durften endlich
durch. Unser Flugzeug wurde schon für den Weiterflug betankt, als wir
am Gate ankamen. Eine nette Stewardess verschwand kurz im Flugzeug und kam
wenig später mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck zurück.
Meine erste Eskapade hatte ich unbeschadet überstanden. Aber der Urlaub
fing ja erst an.
Eine der besonderen Erfahrungen in fremden Ländern ist die exotische
Küche. Der geographische Bereich, den wir so gerne mit Asien betiteln
ist dabei so groß und so breit gefächert, daß man sicherlich
an jeden Tag im Jahr ein neues Gericht probieren kann, ohne sich zu wiederholen.
Für Diabetiker stellt sich natürlich immer die Frage: was ist denn
da so im Essen drin? Die Chinesische Küche lässt für Ungeübte
nicht immer eine Antwort zu. So kann man Reis und Nudeln zwar noch relativ
unbeschadet einschätzen. Bei brauner Paste mit Suppe und Morcheln wird
es aber etwas schwieriger. Also muss man Vermutungen anstellen und versuchen,
so gut wie möglich zu schätzen.
Meine
braune Paste vermutete ich als eine Art von Weizenkleie (falsch) und berechnete
sie mit ca. 4 BE (ebenfalls falsch). Wenn sich jemand gefragt hat, warum
ich immer doppelt so viele Teststreifen wie sonst mitnehme: deshalb! In
meiner Erfahrung muss man in solchen Situationen viel öfter messen. Es schadet sicher auch nicht, eine ordentliche Portion
Traubenzucker mitzunehmen. Dann ist es auch nicht so schlimm, wenn sich die
Weizenkleie als kohlenhydratarmer Ballaststoff entpuppt, und man einen leicht
zittrigen Nachmittag verbringen muß.
Einige Zeit später, wir waren inzwischen in Singapur eingetroffen,
verließ mich das Glück aber doch einmal. Eins meiner beiden Messgeräte
versagte seinen Dienst. Kein Problem, schließlich hatte ich ja noch
Ersatz. Als dieser Ersatz sich aber wenig später im Singapore River
versenkte, stand ich doch etwas dumm dar (merke: kein Messen auf der Rehling
vom Bootssteg).
Zum Glück gibt es ja doch in den meisten Gegenden internationale Apotheken,
so daß ich schon wenig später eine neue Version meines Messgerätes
in den Händen hielt. Zu viel mehr war es auch nicht zu gebrauchen—zumindest
nicht durch mich. Der erste Versuch meinen Blutzucker zu messen, teilte mir
mit ich hätte 5.8 mg/dl. Da ich mich wenig komatös fühlte,
nahm ich die Anleitung noch einmal zu Hand, überblätterte Instruktionen
auf Indisch, Chinesisch, Malaysisch und Indonesisch und fand dank einer Übersicht
auf Englisch heraus, daß mein neues Gerät nicht in mg/dl misst,
sondern in mmol/dl.
Feine Sache das, schließlich gibt es viele Diabetiker, die es so gelernt
hatten. Daß ich nicht dazu gehörte und mit diesen Zahlen gar nichts
anfangen konnte, hatte ich beim Kauf nicht bedacht. Wer nun in Deutschland
bei einer Apotheke schon einmal etwas Ausgepacktes umtauschen wollte, der
weiß wie schwierig sich so etwas gestalten kann. Auf Englisch und einem
malaysischen Apotheker wird es noch ein wenig schwieriger. Zum Schluß hatten
wir uns dann aber doch geeinigt und ich bekam mein Messgerät mit mg/dl
Rechenweise. Zusätzlich erwarb ich auch noch ein wenig Heilkraut und
Krähenfüße von seinem Chinesischen Kollegen, um ihren Verlust
auszugleichen. Das Messgerät habe ich übrigens immer noch. Die
Krähenfüsse gingen aber direkt in die Tonne.
Meine kleine Kühltasche war übrigens eine weise Entscheidung.
Bei Temperaturen von über 30° C und extremer Luftfeuchtigkeit machte
ich mir schon ein wenig Sorgen, ob es meinem Insulin nicht zu warm werden
würde. Doch mit der Kühltasche konnte ich problemlos Indonesiens
Regenwald und paradiesische Inseln vor Malaysia besuchen. Ich rate auch,
eine solche Lösung anderen Optionen vorzuziehen. Oft kann man sein Insulin
auch in Hotelkühlschrank oder bei der Rezeption hinterlegen, aber oft
bekommt man dann nur einen recht teuren Eiszapfen zurück. Selbst nach
dem Auftauen ist das Insulin dann leider nur noch zum Wegwerfen geeignet.
Nach fast 4 Wochen Reisezeit flogen mein Vater und ich aus Japan zurück
nach Deutschland. Beim Check-In—mindestens der vierte seit Reisebeginn—wunderte
ich mich mal wieder, daß mich keiner auf die Spritzen im Handgepäck
ansprach. Vor der Reise hatte ich extra von meinem Hausarzt eine Bescheinigung
ausfüllen lassen, daß ich Medikamente und Spritzen mitführen
darf. Die ist aber auf Deutsch, und als ich sie beim einzigen Mal einem Grenzbeamten
vorlegte, schaute er nur verdutzt und winkte mich durch. Ganz ohne Probleme
durfte der Urlaub dann aber auch nicht enden. So hatte ich die Rechnung ohne
den Deutschen Zoll gemacht.
Daheim in Frankfurt war den Beamten sehr daran gelegen, sich mein Gepäck
mal aus der Nähe anzuschauen. Ah, was haben wir denn da? Spritzen? Insulin?
Teststreifen??!—Ganz klar, ich war entweder Schmuggler oder Steuerbetrüger!
Diabetiker kam in der Liste des BGS nicht vor. Die Bescheinigung meines Arztes
wurde minutenlang beäugt. „Sie sind also Diabetiker?“—„Ja,
genau!“. „Können sie das beweisen?“—„Ja,
das steht auf der Bescheinigung meines Arztes und im internationalen Diabetes-Ausweis,
der daran geheftet ist.“. „Aha!“. Es dauerte zwar noch
einige Minuten, bis mir geglaubt wurde, aber zumindest wollte keiner Einstichspuren
oder vernarbte Fingerkuppen untersuchen. Eines war aber noch dieser Episode
sonnenklar. Der Urlaub war zu Ende und ich war wieder voll in Deutschland
angekommen.
Texte und Fotos:
Christian Peiner
E-Mail: cpeiner@yahoo.com






