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Pressemeldung

Große Diabetesorganisation = bessere Versorgung?

Immer wieder wird behauptet, dass in Ländern mit nur einer großen Diabetesorganisation, die Ärzte, Wissenschaftler, Schulungsberufe und Patienten vereint, Diabetes in Politik und Gesellschaft mehr Gehör findet und Patienten besser versorgt werden als in anderen Ländern. Begründung: Man könne so mit einer Stimme sprechen. Solche Organisationen gibt es in Großbritannien (Diabetes UK) und in den USA (American Diabetes Association, kurz ADA).

Deshalb wurde in Deutschland die neue Organisation diabetesDE gegründet. Allerdings gab es mit der Deutschen Diabetes Union (DDU), einem Zusammenschluss von DDG(Deutsche Diabetes Gesellschaft), VDBD (Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland e.V), DDB (Deutscher Diabetiker Bund) und dem Bund diabetischer Kinder und Jugendlicher e.V. eine solche Organisation schon längst, bis sie aufgrund der Kündigung der DDG satzungsgemäß zum 31.12.2008 aufgelöst werden musste. diabetesDE dagegen vereint im Moment nur DDG und VDBD.
Aber werden Diabetes-Patienten in den USA oder Großbritannien wirklich besser versorgt? Leider sind direkte Vergleiche sehr schwierig. Hier treffen 3 komplett verschiedene Gesundheitssysteme auf 2 Kontinenten aufeinander - Sozialversicherungsystem bei uns, ein staatliches System in Großbritannien und das vorwiegend privat finanzierte System in den USA.

Der Commonwealth-Fund (CWF) hat im Mai 2007 einen aktuellen Gesundheitssystem-Vergleich herausgegeben. Das Ergebnis: Deutschland landete hinter Großbritannien auf Platz 2, die USA bildete (wieder) das Schlusslicht: „Einbezogen waren sechs Länder: Australien, Neuseeland, Kanada, United Kingdom, die USA und Deutschland. Wie schon in den vorherigen CWF-Berichten und wie auch in vielen anderen internationalen Vergleichen schneidet das Gesundheitssystem der USA am schlechtesten ab: Es ist das weltweit teuerste, das medizinisch am wenigsten effektive und zugleich das ungerechteste System, weil untere Sozialschichten keinen Krankenversicherungsschutz genießen und darum medizinisch oft unterversorgt sind. Deutschland landet im Systemvergleich auf Platz 2, United Kingdom liegt auf der Rangliste ganz vorne auf Platz 1. Die Daten der Analyse stammen aus unterschiedlichen Quellen. Herangezogen wurden OECD-Daten zu den Gesundheitsausgaben pro Kopf der Bevölkerung sowie Ergebnisse von drei repräsentativen Telefon-Umfragen mit unterschiedlichen Stichproben: Patienten in der ambulanten Versorgung, Patienten, die einen besonders schlechten Gesundheitszustand aufwiesen und niedergelassene Allgemein- und Hausärzte.

Im „Euro Consumer Diabetes Index 2008“ wurde die Diabetesversorgung in 29 europäischen Ländern verglichen. Deutschland belegt hier Platz 8 mit 751 von 1000 möglichen Punkten, Großbritannien Platz 2 mit 836 Punkten - nur durch einen Punkt geschlagen von Dänemark. Wo unterschieden wir uns, wo gab es Gemeinsamkeiten? Beide Systemen punkteten mit allgemeinen Check-Ups und Diabetes-spezifische Untersuchungen wie HbA1c, Augenhintergrund, Fußinspektion, Mikroalbumin. Deutschland fällt aber im Bereich „Behandlungserfolge“ stark ab. Im Vergleich zu Großbritannien erreichten weniger Patienten den geforderten HbA1c unter 7%, es traten mehr Folgeerkrankungen an Füßen und Nieren auf und die Rate der Todesfälle aufgrund von Diabetes war höher. Aber auch in Großbritannien ist nicht alles besser. In einer im Herbst 2006 vom National Health Service durchgeführten Fragebogenaktion, an der 68500 Patienten, 56 % der angeschriebenen, teilnahmen, gaben 17 % an, sie wüssten nicht, an welchem Diabetes-Typ sie erkrankt seien. Nur 11 % hatten an einer Diabetesschulung teilgenommen, weitere 25 % würden dies sehr gerne tun.

Bei einer einzigen großen Organisation stellt sich auch die Frage, wie sie finanziert werden kann. Der Diabetikerbund Bayern ist eine Selbsthilfeorganisation, wir finanzieren uns über Mitgliedsbeiträge, Förderbeiträge und Selbsthilfeförderungen der Krankenkassen und des Freistaats Bayern. Diese Förderungen sind aber an enge Bedingungen und ganz klare Regeln zum Sponsoring geknüpft. Wir haben eine Selbstverpflichtungserklärung unterschrieben, in der wir versichern, unabhängig zu sein.

In dieser Hinsicht erschrecken dann auch Meldungen aus den USA: „Sechs der sieben wissenschaftlichen und ärztlichen Mitglieder einer Expertengruppe der "American Diabetes Association" (ADA), die untersuchen und empfehlen sollten, wie Diabetes verhindert oder behandelt werden kann und ob dabei Arzneimittel zum Einsatz kommen sollten, hatten irgendeine finanzielle Beziehung zu einer oder mehreren Pharmaunternehmen, um deren Produkte es hier ging. Bei den Beziehungen handelt es sich um Anteile an diesen Firmen oder um Beratungs-, Forschungs- oder Vortragshonorare. Diese spektakulären Informationen veröffentlichte die "New York Times" mit Namensnennung und Fotos in ihrer Ausgabe vom 25. November 2006 innerhalb eines Artikels, der sich mit weiteren problematischen Beziehungen zwischen der als unabhängig angesehenen ADA und speziellen Unternehmen der Ernährungs- und Pharmaindustrie beschäftigt. Dabei ging es vor allem um die bezahlte Nutzung des ADA-Logos, mit dem Lebensmittelherstellern ein Beitrag zum "Kampf gegen Diabetes" attestiert wurde.“

Als Fazit kann man sagen: Das Bestehen einer großen Diabetesorganisation bedingt nicht zwangsläufig eine gute Versorgung von Diabetikern. Die aufgeführten Untersuchungen belegen, dass Großbritannien vor uns liegt. Dies sollte uns ein Ansporn sein, weiter für eine gute Versorgung für uns Patienten zu kämpfen. Der Diabetikerbund Bayern, vereint mit dem Deutschen Diabetiker Bund, steht dafür. Die Entwicklungen zu diabetesDE wurden und werden kritisch verfolgt. So, wie die Weichen in diabetesDE derzeit gestellt sind, sieht der Vorstand des Diabetikerbund Bayern die Interessen der Selbsthilfe und Patienten als nicht angemessen vertreten. Dies ist ein sehr wichtiger Punkt. Wir als Patienten haben ein großes Interesse daran, dass unsere Ärzte und die Forschung gut arbeiten können. Ärzte und Forschung dagegen haben in erster Linie ein wirtschaftliches Interesse. Im Zweifel bleiben wir Patienten auf der Strecke, wir erinnern uns zurück an die Zeit, in der kurzwirksame Insulinanaloga für Typ-2-Patienten nicht mehr verordnet wurden, bis die Rabattverträge dieses Problem schließlich lösten, das haben wir Patienten erkämpft.

Wenn Sie persönliche Erfahrungen im Ausland gemacht haben, schreiben Sie uns! Uns interessiert alles: Zugang, Kosten, Selbstbeteiligung, Qualität der Versorgung, waren Sie zufrieden und fühlten sich gut versorgt? Haben Sie Kontakt zu Diabetikern in anderen Ländern, die uns ihre Erfahrungen berichten möchten?

Zitate mit freundlicher Genehmigung www.forum-gesundheitspolitik.de. Interessierte finden hier noch viele weitere und ausführlichere Informationen.
Marion Köstlmeier

 

 

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